Gilmore Girls – Staffeln 4 bis 7 (Serie von Amy Sherman-Palladino)

Wenn man Gilmore Girls tatsächlich mal chronologisch am Stück sieht, fällt doch sehr auf, dass die Serie ein großes Problem mit Konsequenz und Kontinuität hat. Natürlich, es ist auch eine Soap und in den Nebenhandlungen eine Episodenserie, aber wie schnell dort Erzählstränge, die in den einen Folgen eine Riesensache waren, fallen gelassen werden, ist auf Dauer wirklich ärgerlich. Und es trifft ja nicht nur auf die Gags zu. Etwa als Jackson einige Folgen lang Ortsvorsteher (oder was auch immer) ist … und dann plötzlich nicht mehr. Nein, es verschwinden auch Figuren, die ganze Staffeln lang die Emotionen bestimmt haben, auf Nimmerwiedersehen (und die Emotionen mit ihnen) – oder sie tauchen urplötzlich wieder auf auf, ohne dass ihre Abwesenheit erklärt würde. Das betrifft vor allem die Partner der Girls. Dabei hat die Serie durchaus kein schlechtes Gedächtnis.

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Aber diese Nebenhandlungen sind es ja nicht, die Gilmore Girls ausmachen. Es sind die Episoden für sich, die verrückt-sympathischen Figuren, die selbstverliebte Euphorie, die Selbstfindungen dieser süßen, leidenschaftlichen, vielfältigen Mädchen und Frauen. Gerade Letztere machen die Serie so wertvoll und auch einzigartig. Alles dreht sich um diese klugen, begeisterungsfähigen, selbständigen und doch verletzlichen, schwankenden, Fehler machenden und daraus lernenden, zielstrebigen und doch hadernden weiblichen Figuren, die auch ausgeprägte Interessen und Obsessionen haben, wie richtige Nerds, ohne allein dadurch charakterisiert zu werden – oder gar durch ihre Liebschaften. Die Liebschaften sind nie die Triebfeder, sie passieren eben auf dem Weg dabei, die Träume zu verwirklichen. Trotzdem ist die stetige Sehnsucht nach Liebe und Halt kein Widerspruch zur Selbständigkeit dieser Frauen.

Daneben sind die Beziehungen trotz aller Liebe zur oberflächlichen, auch verletzenden Eloquenz und trotz der Nähe zur Karikatur ungewöhnlich komplex – die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter, zwischen Freunden, zwischen On-Off-Partnern. Sie haben Geschichte, wodurch man weder mit noch ohne einander kann. Und durch diese menschlichen Geschichten, die teilweise tatsächlich sieben Staffeln lang in Variation durchgekaut werden, schließt man die (manchmal auch ein bisschen nervigen) Figuren, die es alle nur gut meinen, aber oft nicht aus ihrer Haut können, ins Herz. Trotz aller Quirligkeit und dem Zuckerguss halten diese emotionalen Beziehungen die Serie bis zum Schluss zusammen und der Abschied von diesem außergewöhnlichen Städtchen Stars Hollow ist wirklich kein leichter.

The Night Of (Serie von Richard Price, Steven Zaillian)

Wenn eine Handlung so überkonstruiert ist, dass jedes Element darin, jede Figur, jede Wendung entweder auf der obersten, sichtbarsten Ebene eine deutliche narrative Funktion hat oder aber die Elemente so hineingegossen enigmatisch sind, dass sie mit diversen anderen Details korrespondieren können und durch Transfer Bedeutung auf einer zweiten Ebene erzeugen, dann ist das entweder sehr aufdringlich … oder aber wunderschön. The Night Of ist wunderschön. Auch weil es nicht nur aus dieser auffallenden Konstruktion besteht, sondern ein zweites Standbein hat: die Atmosphäre. Eine Atmosphäre, die ohne Worte ein Weltbild erschafft. Eine stille, geduldige, ernüchterte, in sich ruhend wütende Atmosphäre des Aufgebens, aber auch des realistischen Tastens nach Halt oder gar Zärtlichkeit in dunklen braun-grauen Bildern. Die Handlung rollt von Woche zu Woche durch diese isolierende Düsternis voran und wirft die Figuren auf ihre eigene Hilflosigkeit oder schwerwiegenden Entscheidungen zurück. Das ist eine dieser Atmosphären, die unmenschlich, hoffnungslos und doch einlullend sind, daher unwiderstehlich.

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Auf der sachlichen Ebene wird die Serie von zwei Themen umgetrieben: Der Uneindeutigkeit der moralischen Festigkeit des Menschen und der Gleichgültigkeit von Institutionen der Wahrheit gegenüber. Beides wird durch das etwas zu eindeutige Finale zwar aufgeweicht (eine klitzekleine Szene weniger hätte es atemberaubend perfekt gemacht), aber eigentlich nur oberflächlich. [Ab hier Spoiler] Denn selbst wenn Naz es tatsächlich nicht gewesen sein sollte, ist seine Transformation doch gespenstisch. Sie geht weit über eine Anpassung an die Gefängnisumgebung als Selbstschutz hinaus. Die Tattoos sind, zumindest in diesem Ausmaß, freiwillig, ebenso die Crack-Sucht. Und er gleitet so selbstverständlich in diese neue Identität hinein, dass sie wie bestimmt für ihn scheint. Es bedarf nur eines kleinen Anstoßes, und er fühlt sich sichtlich wohl und endlich selbstbewusst in seiner Machtposition. Im Gefängnis hat er sogar eine klare Aufgabe im Sozialgefüge, während er auf freiem Fuß vorher wie nachher verloren ist. Aber diese von Riz Ahmed auch sehr flüssig und glaubhaft gespielte Transformation ändert nichts an Naz‘ moralischer Ambivalenz. Es wird von Folge zu Folge möglicher, dass er der Mörder ist und doch kann man es nicht glauben. Das Gefängnis entfesselt seine verborgene Wut und Gleichgültigkeit. Aber ein solcher brutaler Mord steht trotzdem noch mal auf einem anderen Blatt.

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Aber ob er tatsächlich der Mörder ist oder nicht, daran sind die Recht sprechenden Institutionen ja gar nicht interessiert. Sie brauchen nur einen Abschluss – ganz gleich, ob dabei ein Unschuldiger zerstört wird und ein Mörder weiter ungestraft herumläuft. Es gilt nur, Beweise anzuhäufen und sie in eine überzeugende Perspektive zu rücken. Selbst die Höhe der Strafe ist reine Verhandlungssache und steht kaum mit tatsächlicher Tat und Täter in Verbindung. Die Akte muss geschlossen werden. Die Bürokratie jongliert mit Menschenleben. Trotzdem beruhen Jury-Urteile immer lediglich auf subjektiven Eindrücken. Und so können auch nur einzelne Menschen innerhalb der Maschinerie etwas in Richtung Gerechtigkeit in Bewegung setzen. Nur persönliche Launen führen zum Aufdecken und Verfolgen weiterer Verdächtiger. Nur der persönliche Glaube entscheidet über Schuld und Unschuld, Tod oder Freiheit eines anderen.

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So gesehen unterstreicht das Ende die Willkür, die im amerikanischen Justizsystem zu walten scheint, sehr gut. Und die ewige Geschichte um die Katze spiegelt dieses Machtverhältnis um Verurteilung und Gnade – selbst wenn es mit dem eigenen Gewissen (oder Immunsystem) kollidiert. Was schließlich Jack Stones Hautproblem alles spiegeln, betonen, hervorkehren kann, ist mir relativ egal. Schön ist daran aber, dass es dem kauzigen, aber gutherzigen Ermittler (was ein Anwalt ja auch ist) mal eine andere Form des Leidens und Getriebenseins mitgibt statt Alkoholabhängigkeit oder eine traumatische Vergangenheit. Seine Krankheit ist etwas Reales, das ihn sichtbar ausgrenzt, für Subjekt wie Objekt unangenehm, aber unverschuldet ist und mit dem man problemlos mitleiden kann. Und dass seine Haut Ausdruck seiner Psyche (oder des enervierenden, willkürlichen Justizsystems) ist, ist nicht nur ein narrativer Kniff, sondern ja auch sehr authentisch, da alltäglich.

All diese Eigenschaften und Begegnungen, die alles mögliche bedeuten (könnten), sind also nicht nur nützlich, um die Geschichte zu füllen und beispielsweise weitere sehr gelegene Verdächtige zu liefern (alle Männer im Umfeld der Ermordeten sind gewaltbereit), sondern sind vor allem auch einfach ein Kontext, der diese pessimistische, ungerechte Welt dreidimensional macht und The Night Of nicht nur zu einem auf geduldige Weise sehr spannenden Krimi, sondern zu einer bedrückenden, bittersüßen Erfahrung, zu einem Miterleben von Hilflosigkeit, Gnade und der schmerzhaften Transformationen eines schüchternen jungen Lebens mit begrenzten Möglichkeiten in eines ohne Halt und Richtung, aber einer selbstbewussten, geformten Identität.

Game of Thrones – Staffeln 5 und 6 (Serie von David Benioff, D.B. Weiss)

Game of Thrones könnte etwas in der Kulturlandschaft Einzigartiges sein: ein Massenphänomen (eine ähnlich breite Zuschauerschaft gibt es doch wirklich selten) mit politischer Botschaft, ein feministisches, humanistisches Manifest, eine Dystopie, die sich nachvollziehbar, beinahe realistisch in eine Utopie wandelt, nicht unmittelbar mit dem Sturz eines Diktators, sondern als jahrelanger, auch bürokratischer Kampf um Kompromisse, aber letztendlich um den wohltätigsten Weg. Dabei kann es sich natürlich nur um eine basale, prädemokratische Utopie handeln, aber es geht ja ums Prinzip, um einen gerechten, mitmenschlichen Staat. Eine Serie eignet sich für eine solche politische Transformation auch besonders gut, da sie eine komplexe Welt mit unübersichtlichen, geschichtsträchtigen Beziehungen und verschiedensten Gesellschaftsformen entwickeln und den Fortschritt schrittweise, in Details, mühsam und beinahe in Echtzeit, quasi als Anleitung zeigen kann. Denn letztendlich geht es in Game of Thrones im Kern doch immer um gute und schlechte Herrscher (Team Sansa) und welche Voraussetzungen überhaupt zum Herrschen berechtigen.

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Aber da diese Entwicklungen sich in den ersten vier Staffeln in Schneckentempo (wenn überhaupt) vorwärtsbewegten und das Ziel diese sinnlosen Vergewaltigungen irgendwann einfach nicht mehr rechtfertigte, stieg ich aus. Aber es ist schwer, einem solch gigantischen kulturellen Phänomen nur noch aus der Ferne zuzusehen, wenn man einmal an der Diskussion teilgenommen hat. Man muss beim besten Willen nicht alles gesehen haben, aber manche Phänomene möchte man dann doch gesehen haben, um sie gesehen zu haben. Um ihren Einfluss und die Referenzen zu verstehen, und um schlicht eine Teilhabe-Erinnerung für später zu haben.

Nachdem die 5. Staffel jedenfalls durch ihr Ergötzen an persönlichem Fanatismus ohne nachvollziehbare Grundlage, was zu sinnlosem Leiden, Töten, Kriegführen und vor allem Rächen führt, permanent ärgerlich ist, löst die 6. Staffel endlich Versprechen ein. Die Männer, die sich einbilden, ihre Macht legitimiere sich allein durch Abstammung, Boshaftigkeit oder das größte Heer, werden nach und nach leider nicht eines Besseren belehrt, aber immerhin eiskalt beseitigt. Aber das ist eben eine Welt, in der Frauen patriarchalische Methoden verinnerlicht haben, um sich durchzusetzen. Verzeihen und Gnade ist in Westeros und Übersee nicht gerade ein hoch gehandeltes Gut und ich fürchte, das lernt man dort auch nicht mehr. Zu leicht ist es, Figuren auf Taten zu reduzieren, die sich abrechnen lassen, und der Gier nach Genugtuung stattzugeben.

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Denn Game of Thrones ist eine Serie mit Persönlichkeitsstörung. Es hat großartige, komplexe, vielfältige, starke wie schwache weibliche Charaktere, die atemberaubende Entwicklungen durchmachen, aber es beutet weibliche Körper auch aus wie wenig andere Serien und lässt sie unnötig leiden. Es hält den Wert des Lebens, etwa von Sklaven, hoch und kritisiert unter Daenerys auch Gewalt als Unterhaltung, schickt aber permanent körper- und gesichtslose Soldaten in den Krieg und köpft und schlachtet und zerfleischt in Nahaufnahme ohne kritische Distanz dazu einzunehmen. Ein Schritt in die richtige Richtung ist hier die wirklich beeindruckend inszenierte Schlacht der Bastarde, in der tatsächlich mal das Chaos des Kriegs, die Anstrengung, das Glück und das sinnlose Töten, das sich zu Leichenbergen häuft, sichtbar gemacht werden. Da wird selbst der Held beinahe einfach zertrampelt.

Die Serie schwingt eigentlich permanent zwischen Polen: zwischen der Bedeutung von Tradition, Heimat, Blutrecht und allgemein starrer Ideologie und der Notwendigkeit, sich den gegenwärtigen Bedingungen und vorhandenen Ressourcen anzupassen und damit der Einsicht, dass Tradition nicht immer der beste Ratgeber ist. So werden die revolutionären Veränderungen (oh Schreck: Frauen als Herrscherinnen) also zum Teil durch die Fähigkeiten dieser Frauen begründet, aber eben auch durch einen monarchistischen, deterministischen Erbanspruch.

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Wobei die Kriege und sonstigen blutigen Auseinandersetzungen tatsächlich nicht aus einem begründeten Recht heraus geführt werden, sondern aus persönlicher Gier. Wer nun wirklich ein logisches Anrecht auf den eisernen Thron hat, ist Interpretation. Da allerdings nur Daenerys tatsächlich Politik betreibt statt ausschließlich persönliche Fehden auszutragen und Kriege zu führen, hat sie ihn sich wenigstens als Einzige verdient. Mit ein paar Drachen in der Hinterhand ist das mit der politischen Überzeugungskraft aber auch nicht so schwer. Dadurch, dass es nach einigen Staffeln und Pausen aber geradezu unmöglich, in dem Dickicht aus Adelshäusern und ihren Loyalitäten und Verfeindungen noch Licht zu sehen, erhalten diese Vetternwirtschaft und die dazugehörigen Machtverstrickungen aber eine passende Absurdität. Wen interessiert, dass die einen sich einst mit den anderen verbündeten, wenn die Verbindung mittlerweile total unpraktisch ist? Und wen interessieren überhaupt willkürliche Verbindungen, wenn im Norden eine Armee Zombies auf dem Vormarsch ist und im Süden drei Drachen?

Dennoch ist die Vielzahl an Geschichten, die Game of Thrones einigermaßen nachvollziehbar erzählt und verwebt, schon beeindruckend. Kaum eine Figur ist am Reißbrett entworfen, vielmehr sind sie alle das Resultat aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit und Erfahrungen. Das kreiert eine Fülle an Individuen, die auch in den unterschiedlichsten körperlichen Gestalten daherkommen (groß, klein, dick, dünn, weiß, zugegebenermaßen selten farbig, normschön, normhässlich und in vielen Fällen einfach durchschnittlich), während sie aber stets von ihrem Charakter bestimmt werden – davon, wie sie sich in der Welt bewegen und Entscheidungen treffen. Und auch charakterliche Größe und Stärke gibt es in unterschiedlichen Formen: leider zu oft im Umgang mit der Waffe und Herzlosigkeit, aber auch als moralische Stärke, gerechtfertigte Loyalität, Weisheit, als Treue zu sich selbst und dem richtigen Weg.

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Und diese Figuren wirft die Serie permanent in Paarungen zusammen, die aus unterschiedlichsten Sphären und Denkweisen zusammengesetzt werden, aber miteinander überleben müssen, ihren Weg immer wieder aushandeln, aber dadurch auch tatsächlich aneinander wachsen, selbst wenn eine_r von beiden das Zusammentreffen nicht überlebt. Game of Thrones setzt sich damit für Toleranz ein und für einen Blick, der den ersten Eindruck überdauert. Die beiden Menschen, die die Welt retten werden, sind eine puppengesichtige junge Frau und ein Kleinwüchsiger. Game of Thrones propagiert die Objektivierung von Körpern, aber auch, dass Körper kein Indiz für die subjektive innere Größe sind.

Die Frage ist nur, ob die Serie ohne die genannten multiplen Persönlichkeiten überhaupt existieren kann. Erst durch ihren Sensationalismus hat sie die Popularität, um ihre Botschaften einer größeren Zuschauerschaft unterzujubeln. Die ersten fünf Staffeln war der Preis der reißerischen Darstellung ohne Frage zu groß. In der sechsten zeichnet sich aber eine derart befriedigende Entwicklung ab, dass ich (leider?) beginne, ihr beinahe alles zu verzeihen. Game of Thrones ist ein unzähmbares Ungetüm, das aber dazulernt. Sansas Vergewaltigung etwa war letztendlich doch nicht umsonst, als sie in zwei kurzen Reden die nachhaltige Gewalt, die ihr angetan (und nicht gezeigt) wurde, eindringlich visualisiert, und die Unentbehrlichkeit ausspricht, dass misshandelten Frauen Gehör verschafft wird. Es gibt noch Hoffnung – in Westeros wie für Game of Thrones.

Penny Dreadful – Staffel 3 (Serie von John Logan)

Auch wenn Penny Dreadful seit der ersten, stümperhaften Staffel einen weiten Weg zurückgelegt hat, hebt es sich noch schwer an seiner Mythologie, dem Größenwahn, den persönlichen Fehden und düsteren geraunzten Drohungen. Aber wer Shakespeare-Darsteller und Eva Green in abgründige, hybride Figuren steckt, der hat hinterher eben doch ein kleines, verstaubtes Juwel. Eva Greens Vanessa Ives ist eine der großartigsten Serienheldinnen (wenn man mich fragt). Sie hat stets diesen Schelm im Auge, der Mitgefühl, Ironie oder Überlegenheit symbolisieren kann. Sie behält als Wahnsinnige ihre Würde und Menschlichkeit und wandelt in ihren viktorianischen Roben über die Welt, als hätte sie bereits alles gesehen, als würde sie sie durch und durch kennen, alle schrecklichen wie schönen Orte, so dass sie nun mit einer traurigen Weisheit über den Dingen steht, sehnsüchtig, aber auch ängstlich nach Nähe tastend. Vanessa hat die Hölle durchgemacht (die des Teufels und die der Menschen) und hat sich, ihre Persönlichkeit und ihre Seele mit eigener Kraft daraus retten können. Sie hat den Teufel besiegt und die Beziehung zu Gott gekündigt. Sie ist mutterseelenallein, verloren, aber sie ist sich ihrer selbst sicher, ihres Wesens, ihrer Kraft. Verlieren heißt, sich selbst zu verleugnen.

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Darum geht es und allein dieses Thema macht die Serie trotz allem wertvoll. An allen Ecken und Enden Figuren, Menschen wie Monster, die gespalten sind, an der eigenen Vergangenheit, Gegenwart, an Schuld, an Traumata, an sich selbst oder an den Menschen leiden. Aber der einzig richtige Weg ist, sich selbst zu umarmen, auch wenn es wehtut, und sich unangebrachter fremder Einflüsse zu entledigen. Erst wenn man eins mit sich ist, können sich die eigenen Stärken entfalten und man kann selbständig in dieser Welt stehen. Weil es eine Fantasy-Serie ist, beinhaltet dieser Schritt auch, das Böse zu umarmen, aber doch nur, weil die Gesellschaft das Andere brandmarkt. Am Ende des Tages haben es sich dennoch alle in ihrer Grauzone gemütlich gemacht – böse, aber auf der Seite des Guten.

Interessant sind auch die zwei Wege der Emanzipation, die gezeigt werden: Lily reproduziert zunächst männliche Waffen (körperliche Gewalt), um das Patriarchat zu besiegen, was jedoch nach hinten losgeht, denn bei einem Krieg gibt es keine Gewinner. Erst später lernt sie, mit Worten ihren Willen durchzusetzen. Vanessa Ives hingegen kämpft die ganze Zeit mit weiblichen Waffen, mit Empathie, Wissen und List. Und schließlich findet sie vielleicht als Einzige endgültig Frieden (auch wenn es das Herz bricht).

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Und dann Rory Kinnear, der seine Sätze mehr haucht als spricht, der mit seiner füllenden Statur alles zermalmen kann und sich doch nichtig wie ein Geist macht, empfindlich und verletzlich wie eine offene Wunde – wenn er nicht gerade einen schleichenden Luzifer spielt, einen verführerischen Dracula oder einen Durchschnittsmenschen, den man gerne als besten Freund hätte. Die eine Stunde mit Eva Green in der Gummizelle ist ein Highlight der Handlung, der Inszenierung, der Darsteller, die ihre ganze facettenreiche Kunst auspacken können, von extremsten Figurenzeichnungen zu überzeugen und den Zuschauer mitzunehmen auf abwegige Erfahrungen.

Denn das ist etwas, was Serien Filmen voraushaben: Sie können sich ungeniert stundenweise dem Abwegigen widmen, die Handlung quasi zum Stillstand bringen, in einer verrannten Charakter-, Handlungs-, Inszenierungsidee baden – und haben am Ende der Staffel doch ganze Geschichten erzählt, Figuren weiterentwickelt und sind nicht im Absurden stecken geblieben (was natürlich auch nicht verkehrt wäre). Serien können einfach mal so zwei sehr individuelle, aber völlig unterschiedliche Schauspieler auf 10m² aufeinander loslassen und sehen, was passiert. Und es war legendär!

Im Juni gehört

Man könnte meinen, ich hätte seit letztem September keine Musik mehr gehört. Das stimmt natürlich nicht. Ich höre sogar sehr viel, allein zweimal täglich bei meiner 40-minütigen Busfahrt. Lange Zeit habe ich brav wöchentlich meinen Spotify-Mix durchgearbeitet und auch immer wieder Songs daraus gespeichert – bis er irgendwann anfing, sich zu wiederholen und mich zu langweilen. Ich sah meinen Musikgeschmack zunehmend weniger repräsentiert. Dann habe ich enttäuscht ein wenig in die zugehörigen Alben der gespeicherten Songs reingehört, bis ich wieder anfing, frühere Lieblingsbands zu besuchen – die ja in der Zwischenzeit nicht geschlafen haben. Das ergibt insgesamt folgende nachhaltige Favoriten der letzten Monate:

Eingehen möchte ich aber nur auf die Neuentdeckungen im Juni:

Die Editors habe ich wahrscheinlich schon 2007 gehört, aber seither aus den Augen verloren. Wenn Indie-Rock, dann bitte so – irgendwie verzweifelt und trotzdem voller Energie. Zwar finde ich Tom Smiths Stimme der von Paul Banks (Interpol – auch eine Band, die ich mal wieder hören muss) so irritierend ähnlich, dafür singt er immer mal wieder Sätze, die ich in ihrer klaren emotionalen Aussage und Bildsprache sehr schön finde:

Blood runs through your veins
That’s where our similarity ends.

When you caught my eye
I saw everywhere I’d been
And wanna go to.
You came on your own
That’s how you’ll leave
With hope in your hands
And air to breathe.

In the end all you can hope for
Is the love you felt
To equal the pain you’ve gone through.

I’m a lump of meat
With a heartbeat.

I swear to God
I heard the Earth inhale
Moments before it spat its rain down on me.

Und mit diesem großartigen Bild beginnt einer der beiden neu entdeckten Editors-Lieblingssongs. Als Tool-Fan liebe ich natürlich diese Lieder, die sich langsam aufbauen, Luft holen, um dann aufzubrechen, ihr ganzes emotionales Gewicht auf einmal zu entleeren und dann wieder zur Ruhe finden. Ich glaube, das ist der epischste Song der Editors. Das andere Lied, „Alternative: Forgiveness“, finde ich aber noch spannender. Es ist eigentlich ein Remix und wertet das Original erstaunlicherweise tatsächlich mit diesem Synthie-Sound auf. Ich kann es mir ganz hervorragend in einem Drive-ähnlichen, düster-stilisierten Thriller vorstellen, um den stillen Verzweiflungsweg des Helden zu begleiten. Ein Stück Musik, das über die fünf Minuten hinweg ohne große Entwicklung leicht die Spannung hält.

The Jezabels habe ich bereits erwähnt. Eigentlich mag ich Musik, die an 80er-Girlpower-Pop erinnert, nicht, aber hier funktioniert diese aufmunternde, irgendeinen Schmerz überwindende Euphorie und Lebenslust für mich irgendwie. „Come Alive“ kommt hingegen wesentlich düsterer daher. Das ist ein ähnlicher Fall wie bei „In This Light And On This Evening“, nur mit weiblicher Sanftheit zwischendurch – eine Kombination, die hier längst nicht so stark ist wie bei Chelsea Wolfe, aber trotzdem mitreißend.

Und dann hatte ich gar nicht so genau darüber nachgedacht, dass es vor der neuen Agnes-Obel-Tour ja auch ein neues Album geben müsste. Der erste Song daraus hat mir jedenfalls schon im Bus beinahe die Tränen in die Augen getrieben: ätherische Klänge aus einer anderen Welt, einer, in der Feen durch Wälder laufen und Hexen um Lagerfeuer sitzen. Das scheint unerträglich kitschig, in schwermütiger, sehnsüchtiger Song-Form ist es aber vielleicht der honigsüßeste Eskapismus, den ich kenne. (Aber wer wohl der singende Herr ist?)

Der Nachtmahr (Film von Akiz)

Eine einfache, aber wunderschöne Visualisierung jugendlicher Ängste und von der Gesellschaft als „anstrengend“ wahrgenommener Persönlichkeitsmerkmale und der Entwicklung zu einem Individuum. Genau so ist es ja, wenn man merkt, dass man nicht so ganz wie die anderen ist: Man sträubt sich, fürchtet sich vor diesen einengenden Eigenschaften, bis man lernt, dass sie nun mal unabwendbar zu einem gehören. Dann beginnt man, sich als vollständigen Menschen zu lieben, die Eigenschaft selbstbewusst zu tragen, sie sogar vor anderen zu verteidigen und ihr schließlich so sehr zu vertrauen, dass man ihr das Steuer übergibt – selbst wenn sie für die Gesellschaft eine gnomhafte, hässliche Form hat. Unausgeglichenen Seelenhaushalt zu externalisieren ist sicher keine neue Idee, im Horrorgenre wahrscheinlich schon gar nicht, aber Tinas Entwicklung ist trotz der Fantastik und größerer Zeitsprünge extrem glaubhaft.

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Es ist sogar sinnig, dass die Umwelt das Wesen erst wahrnehmen und als existent erkennen kann, als Tina es selbst akzeptiert hat. Der Hilferuf in ihrer Verwirrung und der Suche nach Lösungen und nach sich selbst wird ignoriert (oder als fehlgeleitet betrachtet) und das Problem erst als solches erkannt, als es keins mehr ist. Tina muss allein zu sich selbst finden, auch wenn das schließlich bedeutet, dass dieses gefundene Selbst sie noch mehr ausgrenzt. Und auf diesem Weg ist beinahe jede von Tinas Handlungen nachvollziehbar und logisch (abgesehen davon, dass sie nie ein Foto macht). Und wie sie von der Mitläuferin zur eigenständigen Heroine wird ist großes Superheldenkino. Zumal durch die rauschenden Digitalbilder und den visuellen und auditiven Overkill in den Partyszenen die Waage zwischen nahbarem Realismus und surrealem Übernatürlichem stimmig ausbalanciert wird. Der Nachtmahr ist ein ambitionierter, angestrengt hipper Film, der sich an seinem Anspruch zu überwältigen leicht verheben könnte, aber trotz der zeitweisen Hyperaktivität eine herzerwärmend persönliche Selbstfindungsgeschichte erzählt. Und das ist nur meine Deutung in genau diesem Moment. Ich bin sicher, zu einer anderen Zeit und durch andere Augen sind noch viele andere möglich. Und genau in diesem Deutungsreichtum ergibt Fantastik Sinn.

X-Men: Apocalypse (Film von Bryan Singer)

In nur einer Woche mit X-Men: Apocalypse habe ich mehr erlebt als mit den allermeisten anderen Filmen: Enttäuschung, Epiphanien, Einsichten, Glücksgefühle. Mein Eindruck nach der ersten Sichtung hat sich nach der Lektüre einer Kritik und der Zweitsichtung einmal beinahe komplett gewendet. So ist das mit den X-Men-Filmen: Wenn sich der Staub der Zerstörung gelegt hat, dann hat man freie Sicht auf das, was diese Filme zusammenhält, auf die Beziehungen und die stets motivierten Antriebe der Anwesenden. Dann kann man das Geflecht der Themen ausmachen und was diese Filme wirklich zu sagen haben. Könnte man X-Men-Filme doch immer schon beim ersten Mal zum zweiten Mal sehen.

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Zunächst änderte David Ehrlichs Kritik alles. Ehrlich reißt das Anliegen um Zeit, Geschichte und Erinnerung nur an, aber allein ihre Nennung im Zusammenhang mit meinem liebsten Superhelden-Franchise öffnete eine Tür in meiner Wahrnehmung und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Dass mir das all die Jahre entgehen konnte, insbesondere nach Days of Future Past – ich schäme mich.

Denn die großen Themen der X-Men-Filme sind ja nicht nur Xenophobie (womit sich eher die erste Trilogie beschäftigt) und die Verantwortung, die aus der eigenen Macht entsteht, sondern ja, Zeit, Geschichte und Erinnerung – schlechte und gute Erinnerungen und ihr Einfluss auf Gegenwart und Zukunft. Schon Wolverine ist geplagt von seiner fehlenden Erinnerung, die es ihm schwer macht, eine Identität, eine Zukunft für sich zu finden. Er verdeutlicht die Wichtigkeit von Zeugnissen der Vergangenheit als Wegweiser für die Zukunft, als Mahnung wie als Ermutigung. Er wurde stattdessen durch ein Trauma geformt, und als er sich endlich davon zu lösen beginnt (auch, indem er sich erst mal daran erinnert) und zu sich selbst finden kann, tritt ein neues Trauma an die Stelle.

Ähnlich bei Magneto. Doch bei ihm sind es gerade die Erinnerungen, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen („Peace was never an option.“). Und weil er eben permanent an der Last der Vergangenheit leidet und sie nicht überwinden kann, muss er sie wiederholen – für sich selbst (als er nach der Mutter nun Frau und Kind verliert und wieder zum Rächer wird) wie für die Menschheit, indem er als Antwort auf den selbst erlebten Genozid einen solchen zurückgeben will. Magneto ist ein inkarniertes zyklisches Geschichtsverständnis. Er kann nicht abschließen, er kreist um seine Rachefantasien. Er lebt in der Vergangenheit, auch wenn er versucht, sie geradezurücken (z.B. indem er Auschwitz in Einzelteile zerlegt). Aber dadurch kümmert er sich nicht um seine Zukunft und übersieht sogar, dass er das aufs Spiel setzt, wofür das Weiterleben lohnt – das verbindende, stützende Element in seiner Vergangenheit, das die Zukunft auf sinnvolle Beine stellen kann.

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Apocalypse ist dann nur die Radikalisierung dieses zyklischen Prinzips. Zwar lässt sein Name auf ein Geschichtsverständnis von Dekadenz schließen, er ist allerdings ein sich ewig erneuerndes Wesen, das glaubt, alle paar Tausend Jahre die Welt neu erschaffen zu können, nur um wieder ihrer Degeneration zuzusehen. Es geht ihm ja auch gar nicht um Fortschritt, um eine Welt, die die existente nur verbessert. Er scheint vielmehr zu seinen ägyptischen Wurzeln zurückkehren zu wollen. Hinterher müssten alle verbliebenen Mutanten womöglich in Pyramiden hausen.

Charles hingegen pocht auf das Verzeihen und die Möglichkeit eines Paradieses in der Zukunft. Er steht für ein teleologisches Weltbild. Dabei hat David Ehrlich in Bezug auf Days of Future Past nicht recht. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu ändern, sondern eine neue Zukunft möglich zu machen („Is the future truly set?“, fragt Zukunfts-Charles). Denn die Mutanten in der Zukunfts-Timeline sind ja auch schon beinahe Geschichte. Sie schicken Wolverine in die Vergangenheit, um ihre eigene Zukunft zu sichern.

Mystique schließlich nimmt es ein wenig, wie es kommt. Sie entscheidet von Situation zu Situation und steht damit vielleicht für die Gegenwart, ein Geschichtsbild der Stasis. Wobei sich ihr vernünftiger Standpunkt schließlich durchsetzt. Sie holt Erik wie Charles auf ihre Seite – eine Seite der Hoffnung, aber der Vorsicht. Wir nehmen mit: Erinnerungen müssen bewahrt werden, vor allem, um aus ihnen zu lernen, daran zu wachsen und auf ihnen zu bauen. Die alternative, aber ausgelöschte Zukunft aus Days of Future Past ist nunmehr ja auch nur noch eine Erzählung, die in Charles‘, Eriks und Ravens (und Zukunfts-Logans) Gedächtnis gespeichert ist, aber als Mahnmal nie vergessen werden sollte.

Dieser Deutungsansatz kann sogar erklären, warum Magnetos Sohn so ein flinker Kerl ist – dabei trotzdem einer, der nie davonlaufen kann (jedenfalls nicht aus dem Keller der Mutter) und nur manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Quicksilver lebt in einer ewig gedehnten Gegenwart. Er braucht trotz seiner Geschwindigkeit zehn Jahre, um endlich mal einen Schritt nach vorne zu machen. Das hat er wohl von seinem Vater.

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Ein Comic-Franchise als Geschichtsreflexion: Wie außergewöhnlich! Aber das ist längst nicht das Einzige, was Apocalypse zu einem beinahe perfekten Abschluss der zweiten X-Trilogie macht. Wo ich bei der Erstsichtung noch am Sinn von Apocalypse selbst zweifelte, verstehe ich nun, warum dieser 08/15-Zerstörer nötig ist. Er ist Rassist und Despot in Reinform und steht eher abstrakt für einen Fundamentalismus statt für einen alternativen Gesellschaftsentwurf. Er ist das Mittel, mit dem Magneto endlich sein Rachegelüst befriedigen kann, das ihm endlich die Möglichkeit gibt, seinen Wunsch, die Menschheit auszulöschen, vollständig umzusetzen. Erst als er diese absolute Waffe erhält, kann er sich entscheiden, sie endgültig wegzulegen. Bedauerlich ist dabei allerdings, dass ihm unumwunden verziehen wird, dass bei diesem Akt der Selbstfindung ein paar Millionen Anonyme draufgehen. Eine große Stärke der X-Filme war es auch immer, dass sich die menschlichen Kollateralschäden auf ein Minimum beschränkten. Hier werden dafür kopflos federleichte Computerstädte pulverisiert, als wären ihre realen Pendants nicht von Tausenden Menschenleben bevölkert. Magneto lässt die ganze Welt für seine persönliche Vergangenheitsbewältigung leiden (auch wenn sie für etwas Kollektiveres einsteht). Das ist nicht okay! Schade, dass der Film das nicht reflektiert.

Davon abgesehen bemüht sich der Film aber, Magnetos Geschichte und Entwicklung über die drei neuen Filme hinweg endlich abzuschließen. Das ist ja eigentlich eine ganz einfache Erzählung von Bindung – Entzweiung – Wiedervereinigung. Wie er nun in Zukunft zu den Menschen steht, bleibt zwar unklar, aber so ganz konsequent kann er in seinem Rassismus ja nie gewesen sein, wenn er eine nicht-mutantische Frau lieben kann. Wenn man es genau nimmt, ist diese Entwicklung zwar eine ziemlich sprunghafte, am Reißbrett entworfene. Wir sehen ja nie, was genau Magneto über Jahrzehnte hinweg mit Mystique verbindet. Wir müssen es einfach glauben. Und warum tun wir das? Weil Michael Fassbender, Jennifer Lawrence und James McAvoy in der Lage sind, es auf der Leinwand zu leben. Mit weniger intensiven, fähigen Schauspielern wäre diese Seifenoper womöglich furchtbar unplausibel. Aber selbst Oscar Isaac gelingt es, unter all der Farbe einen herrlichen Verdruss und eine Selbstgewissheit zu vermitteln, die den albern gekleideten Apocalypse plastisch machen und ihn als mythologische Figur nicht übermäßig aus dem Ensemble aus Teenagern und wunderschön bescheidenen Held_innen von nebenan herausstechen zu lassen. Allerdings: Was hat es denn nur mit dieser goldenen Pyramidenspitze, die mit schnödem Sonnenlicht aktiviert wird, auf sich? Solcher Humbug hat im geerdeten X-Universum keinen Platz.

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Und die Schauwerte? Die sind in den geheimen Fähigkeiten verborgen, jenen, deren Kunstfertigkeit nur für die Ausführenden selbst sichtbar ist. Nicht Magnetos Zerstörungsorgie ist beeindruckend, sondern Quicksilvers leichtfüßige, ironisch-charmante Rettungsaktion und der Endkampf im Geiste – weil der Geist (die Liebe, der Schmerz, das überzeugende Wort) im X-Universum eben immer noch die stärkste Kraft ist. Die körperliche Auslöschung ist da nur noch eine Formalie. Und es ist wieder die gemeinsame Stärke, die siegt. Weil eine Ideologie erst Einfluss gewinnt, wenn sie Anhänger hat – solche, die nicht so wankelmütig einfachen Versprechungen hinterherrennen und ohne eigene Charakterzüge sind (ein weiterer Makel des Films: die drei jungen Reiter ohne Vergangenheit und Zukunft, selbst Storm). Und schließlich sind es drei junge Frauen, die die wichtigsten Schlachten gewinnen (in flachen Schuhen!), als die Männer versagen. Die ideale Superheldin – eine, die die absolute Macht, aber nur mit begleitender absoluter Empathie hat – gewinnt. So muss es sein.

Und damit ist diese schöne Geschichte um die Freundschaft dreier Mutanten dann auch eigentlich auserzählt. Magneto ist endgültig bekehrt. Der größtmögliche Endgegner ist besiegt. Die Welt ist einmal komplett zerstört. Die Menschen stehen den Mutanten nach dieser Episode sicherlich weiterhin skeptisch gegenüber, aber die X-Men sind gerüstet. Was nun noch? Ich plädiere dafür, zumindest Magneto ziehen zu lassen und die Geschichte der neuen jungen Mutanten zu erzählen. Wie sie ihren Platz in der Welt finden mit dem, was sie sind. Ohne Zerstörungsorgien und Superschurken. Eine Utopie.