Zweit-Leuchtturm

Ich bin unzufrieden mit Twitter. Also, mit meinem Auftritt dort. Er ist ein komisches Amalgam und vielleicht braucht es mich gar nicht wundern, dass ich nach fünf Jahren immer noch nur an der 200-Follower-Grenze nage (mal von der Möglichkeit abgesehen, dass ich einfach total uninteressant bin). Nicht, dass mir Klasse nicht wichtiger wäre als Masse. Kein Mensch braucht 1000 stumme Follower (außer für Verkaufszwecke). Aber manchmal frage ich mich doch …

Und ich will das so nicht mehr: Meine Filmfollower mit persönlichem Gejammere vergraulen. Ich will meinen Account wieder bedenkenlos öffnen und neutraler halten (ohne mich zu verstellen natürlich – das wäre es mir nie wert – aber ich habe ja nicht nur eine Stimme). Andererseits würde ich manchmal gerne NOCH persönlicher schreiben. Die Lösung ist ja ganz einfach: Ein zweiter Account. Ein geschützter, den nur wenige lesen können.

Vielleicht fragt sich der geneigte Leser nun: Ach Gott, muss das denn sein? Dann halt doch einfach die Klappe oder erzähl das jemandem, den es auch wirklich interessiert.

Antwort: Ja, es muss sein! Ich MUSS Dinge aufschreiben, sie MÜSSEN raus. Es reicht nicht, sie Herrn Leuchtturm zu erzählen, zumal er ja auch gar nicht immer zugegen ist. Und daneben habe ich niemanden. Selbst wenn diesem Account überhaupt niemand folgt, werde ich ihn füllen. Ich MUSS laut leben, mich schreibend reinigen von Gedanken. MUSS MUSS MUSS! Die Schriftstellerin in mir, die vor einigen Jahren ein Stück weit gestorben ist, ist noch nicht vollständig tot. Sie rumort und lamentiert und will sich verewigen. Und wenn nur in einem lächerlichen Twitter-Account mit 5 Lesern.

Wie ich meine Gedanken dann genau auseinandersortiere für die beiden Tweep-Identitäten … da habe ich noch keinen blassen Schimmer. Mal rumprobieren. Ach so, ich lamentiere dann übrigens in Zukunft hier , nur mal so …

„Hobby-Cineastin“

Ich bin auf der Welt, um Filme zu schauen und darüber zu schreiben. Natürlich dreht sich mein Leben nicht ausschließlich darum. Es gibt noch vieles anderes, was mir Freude bereitet. Aber der Film strukturiert mein Dasein (z.B. wenn momentan der größte nächste Meilenstein ist, dass ich überhaupt wieder Filme schauen kann). Er ist ein Antrieb, ein Inhalt. Kinostarts sind Vorfreudepunkte, Werkschauen eine Aufgabe.

Passives Konsumieren – das ist vielleicht eine mickrige Existenzberechtigung, und eine egoistische obendrein, denn es verbessert weder das Leben anderer Menschen noch die Welt im Allgemeinen. Aber es IST immerhin eine Existenzberechtigung. Ich glaube nicht, dass allzu viele Menschen einen solchen ganz persönlichen Sinn in ihrem Leben empfinden (abgesehen vom typischen Kinder-ordentlich-groß-Bekommen).

Deswegen kommen mir diese dreieinhalb Jahre im neuen Studium, in denen ich kaum Filme sehen kann, auch wie eine ziemliche Zeitverschwendung vor. Aber sie sind eben auch nötig, um hinterher umso besser (und in angenehmerem Kontext) Filme sehen zu können. Aber das ist heute nicht mein Thema. Es geht vielmehr um einen Zwiespalt, in dem ich stecke, seit ich mich im Internet unter Cineast_innen bewege, vor allem auch solchen, die für ihre Leidenschaft bezahlt werden und sich damit „professionell“ nennen dürfen.

Vor und während meines ersten Studiums wollte ich Filmkritikerin werden. Das ist mein Schicksal, dachte ich damals. Und habe ich das nicht erreicht? Ich kann mir nicht „Filmkritikerin“ auf meine Visitenkarte schreiben, aber ich schreibe über Filme, vor einem Publikum. Und das Beste: Ich schreibe genau so, wie ich mich am wohlsten fühle, wie es mir natürlich ist. Ich muss keinen redaktionellen Vorgaben entsprechen. Ich muss meinen Stil nicht verbiegen, ich muss keine Inhaltsangaben schreiben (Gott sei Dank!), ich kann mir meine Themen selbst aussuchen und bin mein einziger Kritiker (natürlich auch der größte). Ja, das alles ist mir zu wichtig, um es für Geld aufzugeben. Eben weil es meine größte Leidenschaft ist, die mich erst befriedigt, wenn ich sie auf ganz individuelle Weise auslebe, würde es viel zu große Schmerzen bereiten, sie in eine Form pressen zu müssen.

Aber ich konnte in letzter Zeit eben auch beobachten, wie einstige unbezahlte Filmschreiber_innen ins professionelle Fach wechseln. Und es ist nun mal nach wie vor so, dass „Filmblogger“ ein geringeres Ansehen hat als „Filmkritiker“. Es fehlt eben die redaktionelle Instanz, die Qualität garantiert. Wobei mir diese Außenwahrnehmung eigentlich wenig bedeutet. Es ist die Kluft innerhalb der Film-Community, die mich immer mal wieder schmerzt. Diese Kluft bündelt sich für mich in der Akkreditierung. Das System wird hier zwar auch immer durchlässiger für Blogger_innen, je größer die Reichweite wird. Es gibt mittlerweile genug Filmblogger_innen, die zu Pressevorführungen eingeladen werden. Wenn ich mich darum bemühen würde – wer weiß -, vielleicht würde man mich sogar irgendwann in den Presseverteiler aufnehmen. Aber was bringt mir das, wenn diese Vorführungen zwei Zugstunden entfernt sind? Und das werden sie immer sein, denn solange ich mit Herrn Leuchtturm zusammen bin (also immer), werde ich nicht in Stuttgart oder München oder gar Berlin wohnen. Ja, es gibt Screener und solche Sachen, aber wenn ein Film ins Kino kommt, dann will ich ihn auch dort sehen. Und mich mit meinem Popelblog jemals bei einem großen Filmfest zu akkreditieren halte ich für aussichtslos (umso schlimmer, dass es das Freiburger Filmfest, bei dem ich akkreditiert war, nicht mehr gibt). Es ist also ausgeschlossen, dass ich jemals Filme früh genug sehe, um unbeeinflusst zu sein, dass ich jemals die Meinung mitgestalte, jemals keine gewöhnliche Kinogängerin mehr bin.

Und das reibt in mir, weil es nicht mit meinem Selbstbild übereinstimmt. Ich bin nicht so gut wie die meisten Filmkritiker_innen, die ich lese (deswegen lese ich sie ja), mir entgeht immer noch unglaublich viel in Filmen. Aber ich bin ernsthaft bei der Sache und habe mich mittlerweile doch gemacht, finde ich. Und ich glaube, dass ich durchaus eine recht eigene Stimme habe (uh, Eigenlob, genießt es, solange ich ertrage, es hier stehen zu lassen – tatsächlich haben mir das aber auch schon eine Handvoll Leser_innen bescheinigt). Zudem schreibe ich immerhin über jeden einzelnen Film ein paar Worte – was man (und das ärgert mich wirklich) ja nicht gerade über jeden PV-Besucher sagen kann. Aber ich habe eben keine Reichweite, keinen Einfluss, keine Empfehlungsfunktion. Ich schreibe nur so für mich selber vor mich hin.

Und ich liebe es so sehr! Aber es hindert mich eben auch daran, dem Film noch viel besser frönen zu können. Entweder fange ich also endlich an, ordentliche Filmkritiken zu schreiben und Reichweite aufzubauen oder ich bin auf ewig die „Hobby-Cineastin“, die auf den schnöden Kinostart warten, eine O-Ton-Vorstellung erwischen und dann auch noch für ihre Kinotickets zahlen muss (was ja auch echt ins Geld geht!). Wenn es bedeutet, meinen Schreibstil behalten (und in der Nähe von Freiburg wohnen) zu können, wähle ich Letzteres, aber es wird immer ein wenig wehtun.

Daredevil – Staffel 2 (Serie von Drew Goddard)

Das Serienformat: Das ist es, was dem Superheldengenre gefehlt hat. Denn nur hier hat es (trotz Prequels und Sequels) wirklich die Zeit, sich Themen jenseits von Schauwerten zu widmen. Hier werden die Superhelden zu Menschen, aber auch ihre Antagonisten. Erst hier lernen wir wirklich, beide Seiten zu verstehen. Hier sehen wir nicht nur die Siege, sondern auch ihren Preis und ihre Folgen – auch im Alltäglichen, in den Leichen, den Opfern, den Hinterlassenschaften. Hier wissen wir endlich, wie sich so ein Kampf zwischen Übermenschlichem für die Bevölkerung anfühlt und wie mit einem Superschurken verfahren werden kann, wenn der Held seinen Job erledigt hat. Hier wird ernsthaft über Mittel und Wege verhandelt, Selbstjustiz hinterfragt und dann (natürlich – als Existenzberechtigung) als doch ganz hilfreich erkannt. Die Welt kann anderswo untergehen. Hier haben wir den Alltag.

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Die Staffel zeigt auch sehr schön, dass es einfach nicht funktioniert, zwei Jobs und vor allem zwei Identitäten zu leben. Irgendeine kommt immer zu kurz. Man muss sich entscheiden, das Leben ist ein Kompromiss, selbst mit übermenschlichen Kräften. Auch der Antagonist ist (wie schon Fisk und Kilgrave) interessanter, klarer gezeichnet und aussagekräftiger als man es aus den Filmen gewohnt ist. Er bringt genau die Themen auf den Tisch, an denen sich Daredevil abzuarbeiten hat: Rechtfertigung und Grad der eigenen Mittel. So wird die Staffel sogar zeitweise zu einem Plädoyer gegen die Todesstrafe, während sie dieses Anliegen in den späteren Folgen leider wieder komplett vergisst und sich zunehmend an Gewalt ergötzt und mit dem Punisher sympathisiert. Dennoch bleibt die Frage: Welcher ist denn nun der einzig richtige Weg, das Verbrechen dauerhaft zu bekämpfen? Die Serie lehnt sich in eine Richtung, ohne sich aber festzulegen. Man weiß es nicht. Aber fragen muss man.

Und wie herzerweichend es ist, die zarte, elegante Karen neben dem ehrlichen, groben, lädierten Frank Castle zu sehen. Das zeigt auch, was Superheldengeschichten immer tun: Sie werden nicht müde, Gegensätze aufeinander loszulassen, mal gegeneinander, mal miteinander, sodass immer ihre Identitäten, Ziele und Motivationen, ihre Ideologien vom Guten und Richtigen auf dem Prüfstand stehen. Diese Gegensätze hinterfragen sich gegenseitig, sie testen und reiben sich und definieren sich schließlich erst durch Abgrenzung (oder überraschende Gemeinsamkeiten), und würden diese Auseinandersetzungen nicht immer in schnöden körperlichen Übungen enden, könnten daraus große menschliche Erkenntnisse erwachsen. Manchmal tun sie das ja auch im Superheldenfilm, aber dazu muss geredet werden – und das tun Daredevil und seine Kollegen, oft und tiefgründig ohne platt zu sein. Eine echte Bereicherung.

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Nur die Kampfszenen, bei denen sich die Gegner gar nicht ernsthaft anstrengen und die bis auf zwei, drei sehr einfallslos inszeniert sind, wiederholen sich endlos und langweilen durch das geringe Risiko. Außerdem ist es unangenehm, wie sehr Daredevil in seiner verrannten, arroganten Märtyrerrolle schließlich immer seinen Willen bekommt und sich tatsächlich allein durchsetzen kann. Ein Dämpfer würde ihm guttun. Und generell ist die Staffel wieder sehr gestreckt, zu wenig geschliffen. Als die Japaner auftauchen, verliert sie den Fokus. Wann lernt Netflix endlich, dass 10 Folgen genügen?

The Affair – Staffel 2 (Serie von Hagai Levi und Sarah Treem)

So ein Glück: Das langweilige Kennenlernen und die Hals-über-Kopf-Entscheidungen sind (größtenteils) erledigt, die Hintergründe sind erzählt, die Vorstellung aller Beteiligten und ihrer Beziehungen sind vom Tisch, jetzt geht es ums Leben. Tatsächlich macht diese zweite Staffel einen deutlichen Sprung: atmosphärisch, inhaltlich, psychologisch ist alles gewichtiger und auch relevanter. Verlieben und Verlassen haben wir oft genug gesehen, das Weiterleben danach seltener. Und das zufällige Aufeinandertreffen zweier Personen hat hier tatsächlich die Welt aus den Angeln gehoben für eine Handvoll Menschen. Diese zweite Staffel überbrückt große Zeiträume, aber das macht vielleicht nur deutlicher, wie schnell und dramatisch sich Leben ändern können. Plötzlich ist Geld da (oder nicht mehr), das Umfeld ein anderes, der Partner, die Zukunftsaussicht.

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Aber glücklicher machen diese Veränderungen nicht zwangsläufig. Sie ändern den Menschen, der drinsteckt, nur graduell. Und es sind ganz wunderbar runde, nuancierte, tiefe Menschen, die drinstecken, die trotz aller Egoismen vernünftig reflektieren und nachvollziehbar handeln. Hier gibt es keine irrationalen Fehden, kein dauerndes Gegeneinander. Die Protagonisten erklären sich selbst, vergeben sich gegenseitig und gehen Kompromisse ein, während sie dennoch in ihren eigenen Problemen relativ allein feststecken und ihren individuellen Weg gehen. Das verläuft nicht immer ganz glatt und das Zusammenraufen dauert auch manchmal eine Weile, aber es ist so ein warmer, von einer Sehnsucht nach Frieden getriebener Umgang, der in Trennungsgeschichten meist fehlt. Und zum Glück dürfen wir nun auch mit Helens und Coles Augen sehen, erleben, welche Konsequenzen sie erfahren und wie sie damit umgehen. Das ist eine sehr demokratische Erzählweise, bei der es tatsächlich oft schwer ist, den Sündenbock auszumachen. Nicht nur durch die wechselnden Perspektiven, die gar nicht mehr so sehr das Subjekt in ein positives Licht rücken, sondern durch die Selbsteinsicht der Protagonisten, die Schuld und Güte sehr gut reflektieren.

Wie auch viele andere Themen, die auf dem Weg aufgegriffen werden, zwar nicht immer erschöpfend, aber der Mensch an sich ist ja meist ein Eisberg, der nur die Spitze ausspricht. Diese Themen reichen von Liebe und Beziehungen über Verlust, Schuld und Schriftstellerei, Künstlerpersönlichkeit bis hin zu den Vorstellungen, die man als Erwartungen auf andere projiziert und ja, der unterschiedlichen, subjektiven Wahrnehmung von Ereignissen, was geschickt die Erzählweise spiegelt. Und trotz der Kürze werden diese Themen bereichernd besprochen. Mit dem Mordfall belastet sich die Serie vielleicht ein wenig zu sehr, aber er öffnet auch einen undurchdringlichen Abgrund, der in anderen Charakterentscheidungen und gar mythologisch, schicksalsträchtig ausholenden Folgen bereits angedeutet wird. Außerdem lässt er neue Figurenanordnungen zu (wer steht zu wem? wer verrät wen?) und die Auflösung ist ja ein sehr geschickter Knoten.

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Aber vor allem schaue ich doch für diese vier Menschen (okay, Noah weniger) weiter, die alle diese tiefe Enttäuschung und Traurigkeit mit sich herumtragen, deren Hoffnungen und Erwartungen unter ihnen weggerissen wurden und die merken müssen, dass das dauerhafte Glück etwas sehr Labiles ist, weil Befriedigung sich so schnell abnutzt. Das ist ernüchternd, aber auch die wichtige Darstellung dessen, was nach dem großen, sexbesessenen Glück folgt. Und diese drei Menschen gehen in ihrer stillen Art, in ihrer eingelebten Traurigkeit herzerweichend damit um. Sie sind ganz eigenständige Persönlichkeiten, aber in diesem Geflecht aus gemeinsamen Vergangenheiten und Hoffnungen aneinander gebunden. Da entstehen Momente von einer verbindenden oder trennenden Intimität, die Six Feet Under-Qualität erreichen.

Schaufenster

Man liest ja immer öfter internetkritische Texte auf Blogs, die sich über makellose Selbstinszenierung, die überempfindliche, aber auch rücksichtslose Diskussionskultur und den generellen Überfluss und dadurch entstehenden Druck beschweren. Und auch wenn ich das alles nachvollziehen kann, stört es mich persönlich wenig, weil ich meine Filterblase streng begrenzt halte.

Mein Problem mit dem Internet ist ein ganz anderes. Eines, das mir vor Augen führt, was ich für ein schlechter, neidischer, selbstzentrierter Mensch bin. Mein Problem mit dem Internet ist, dass es Lebensweisen SCHEINBAR in unmittelbare Nähe bringt – während sich die analoge Geographie, der lebbare Alltag und all seine Hürden natürlich nicht mit verändern. Bei Twitter werden Tätigkeiten, Erlebnisse, Dinge, Orte nahe gebracht, als möglich gekennzeichnet, die in meinem Leben aber nicht möglich sind und niemals möglich sein werden. Das Unerreichbare wird zum Maßstab.

Da scheint es ganz einfach, ständig auf Reisen zu sein, Filmfestivals zu besuchen, mit dem Schreiben (und sogar Bloggen) Geld zu verdienen, sich Schönes zu leisten. Berlin z.B. ist plötzlich nur einen Tweet entfernt, während es früher eben eine Tagesreise und ein halbes Monatsbudget weit weg, also prinzipiell am anderen Ende der Welt war. Im Internet wird ganz selbstverständlich als Alltag vorgelebt, was einem selbst immer fehlte und noch viel mehr. Das ist wie einem Köder hinterherzurennen, den man niemals schnappen kann. Besonders schwierig wird es, wenn die Menschen, die diese Alltage führen, zur eigenen gewählten Community gehören.

Wie kann ich so eine (nicht gerade freiwillige) Filmpause umsetzen, während meine Online-Kumpel fast ausschließlich Cineasten sind, die natürlich weiter vor meiner Nase Filme schauen? Wie kann ich lernen, das ungerührt hinzunehmen und mein jämmerliches Leben nicht damit zu vergleichen? Früher, vor dem Internet, als ich noch alleine Filme geschaut habe, da hatte ich niemanden zum Austausch, dafür war ich aber auch mein eigener Maßstab. Wenn ich allerdings zum Alleinschauen zurückkehre, verliere ich auch die Cineasten als Menschen. Und das wäre doch bedauerlich.

Das Internet ist meine Kuschelhöhle, aber es wird hier immer ungemütlicher, je schlechter es mir geht, weil hier alles ausgebreitet wird, was ich mir selbst wünsche, und dauerhaft vor dem Schaufenster eines geschlossenen Ladens zu stehen ist einfach frustrierend.

Mr. Robot – Staffel 1 (Serie von Sam Esmail)

Rami Malek in einer Hauptrolle – dass ich das noch erleben darf! Sein Gesicht ist mir schon in The Pacific aufgefallen und seither freue ich mich immer, es in Kleinstrollen wiederzusehen. Dieses Gesicht ist besonders, weil es schon von sich aus ganz natürlich drei völlig verschiedene Zustände annehmen kann: etwas Außerweltlich-Wahnsinnig-Unheimliches, einen zynischen, schelmischen Ennui und eine entrückte, verlorene, unumkehrbare Traurigkeit (okay, vier: den eines süßen, verunsicherten Hündchens auch noch). Endlich hat das noch jemand anderes gesehen und ihm eine entsprechende und vor allem große Rolle gegeben. Und Rami Malek schenkt Mr. Robot tatsächlich sehr viel: Sobald er im Bild ist, ist da etwas Greifbares, etwas menschlich Tiefes, etwas Schmerzhaftes und Mysteriöses. Und seine Stimme verleiht dem immerwährenden, redundanten Voice-over eine schleppende Müdigkeit von der Welt, dem Leben, ja, den eigenen bedeutungslosen Worten, die da vor sich hinleiern.

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Die Serie um dieses Gesicht und die Stimme herum ist allerdings unbeholfen. Mit dieser Thematik hätte man tausend interessante Geschichten erzählen können, die sich wirklich damit auseinandersetzen, aus verschiedenen Perspektiven und Einflussbereichen darauf schauen. Es hätte genug Stoff und Charaktere gegeben. Stattdessen verknotete man hanebüchene Konflikte, Hürden und Wendungen um Elliots Psyche, die einen völlig eigenen Themenkomplex eröffnen, der kaum mit dem anderen verbunden ist. Ein unzuverlässiger Erzähler ist ja an sich eine spannende Idee – gerade da, wo es um öffentliches, privates und Online-Leben geht, verschiedene Persönlichkeiten und Realitäten. Aber die Serie baut es nicht sinnvoll in den Kontext ein. Es ist, als wäre ihr nicht genug Handlung zum Thema eingefallen und als ob sie zwanghaft ihren Protagonisten komplex erscheinen lassen will. Dabei ist er auch ohne Drogen und Halluzinationen längst komplex genug. Man hätte sich etwa an seinem fehlenden zwischenmenschlich-moralischen Bewusstsein abarbeiten können, oder an einer nicht nur behaupteten, sondern tatsächlichen Sozialphobie. Das Drehbuch trifft so viele unglückliche, plakative Entscheidungen und lässt seine Charaktere teilweise völlig überzeichnete, unnötige Handlungen ausführen. Bei manchen Figuren gelingt es ihm im Lauf der Staffel, die anfängliche Überzeichnung zu relativieren, aber generell ist es ein sehr ungeschicktes, grobes Erzählen, keine feingliedrige, spannende, stimmige Geschichte.

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Dabei ist es ja wichtig, die Dystopie, in der wir bereits leben, darzustellen, wie Einzelnen durch Technik die Macht eines Superhelden gegeben wird und welche moralischen Grenzen dabei überschritten werden. Das ist doch der Kern dieser Geschichte. Ich hoffe, die Serie findet in der zweiten Staffel deutlicher dazu (oder wird, wenn sie schon Fight Club sein will, wenigstens zu einer Revision davon). Denn Potenzial ist ja allerorts vorhanden, auch in der Musik von Mac Quayle, die sich unverhohlen bei Reznor/Ross bedient, und der Kameraarbeit von Tod Campbell, die die Menschen oft auf irritierende und auf Dauer anstrengende Weise in die Ecken des Bilds drängt, eingezwängt, nur mit Leere im Rücken und wie von einem mechanischen Auge beobachtet. Aber vor allem ist Elliot einer dieser tollen neuen Held_innen, die die „Difficult Men“ ablösten, ein komplexer, auf seine Art gewalttätiger, machthungriger, aber auch mitfühlender, verletzlicher und vor allem schwacher Mensch, der wirken will, auf dem Weg aber (hoffentlich) nicht hart und unbarmherzig wird, sondern das Scheitern spürt. Ich mag diese neue Held_innen.