Penny Dreadful – Staffel 3 (Serie von John Logan)

Auch wenn Penny Dreadful seit der ersten, stümperhaften Staffel einen weiten Weg zurückgelegt hat, hebt es sich noch schwer an seiner Mythologie, dem Größenwahn, den persönlichen Fehden und düsteren geraunzten Drohungen. Aber wer Shakespeare-Darsteller und Eva Green in abgründige, hybride Figuren steckt, der hat hinterher eben doch ein kleines, verstaubtes Juwel. Eva Greens Vanessa Ives ist eine der großartigsten Serienheldinnen (wenn man mich fragt). Sie hat stets diesen Schelm im Auge, der Mitgefühl, Ironie oder Überlegenheit symbolisieren kann. Sie behält als Wahnsinnige ihre Würde und Menschlichkeit und wandelt in ihren viktorianischen Roben über die Welt, als hätte sie bereits alles gesehen, als würde sie sie durch und durch kennen, alle schrecklichen wie schönen Orte, so dass sie nun mit einer traurigen Weisheit über den Dingen steht, sehnsüchtig, aber auch ängstlich nach Nähe tastend. Vanessa hat die Hölle durchgemacht (die des Teufels und die der Menschen) und hat sich, ihre Persönlichkeit und ihre Seele mit eigener Kraft daraus retten können. Sie hat den Teufel besiegt und die Beziehung zu Gott gekündigt. Sie ist mutterseelenallein, verloren, aber sie ist sich ihrer selbst sicher, ihres Wesens, ihrer Kraft. Verlieren heißt, sich selbst zu verleugnen.

PennyDreadfulSeason310

Darum geht es und allein dieses Thema macht die Serie trotz allem wertvoll. An allen Ecken und Enden Figuren, Menschen wie Monster, die gespalten sind, an der eigenen Vergangenheit, Gegenwart, an Schuld, an Traumata, an sich selbst oder an den Menschen leiden. Aber der einzig richtige Weg ist, sich selbst zu umarmen, auch wenn es wehtut, und sich unangebrachter fremder Einflüsse zu entledigen. Erst wenn man eins mit sich ist, können sich die eigenen Stärken entfalten und man kann selbständig in dieser Welt stehen. Weil es eine Fantasy-Serie ist, beinhaltet dieser Schritt auch, das Böse zu umarmen, aber doch nur, weil die Gesellschaft das Andere brandmarkt. Am Ende des Tages haben es sich dennoch alle in ihrer Grauzone gemütlich gemacht – böse, aber auf der Seite des Guten.

Interessant sind auch die zwei Wege der Emanzipation, die gezeigt werden: Lily reproduziert zunächst männliche Waffen (körperliche Gewalt), um das Patriarchat zu besiegen, was jedoch nach hinten losgeht, denn bei einem Krieg gibt es keine Gewinner. Erst später lernt sie, mit Worten ihren Willen durchzusetzen. Vanessa Ives hingegen kämpft die ganze Zeit mit weiblichen Waffen, mit Empathie, Wissen und List. Und schließlich findet sie vielleicht als Einzige endgültig Frieden (auch wenn es das Herz bricht).

PennyDreadfulSeason37

Und dann Rory Kinnear, der seine Sätze mehr haucht als spricht, der mit seiner füllenden Statur alles zermalmen kann und sich doch nichtig wie ein Geist macht, empfindlich und verletzlich wie eine offene Wunde – wenn er nicht gerade einen schleichenden Luzifer spielt, einen verführerischen Dracula oder einen Durchschnittsmenschen, den man gerne als besten Freund hätte. Die eine Stunde mit Eva Green in der Gummizelle ist ein Highlight der Handlung, der Inszenierung, der Darsteller, die ihre ganze facettenreiche Kunst auspacken können, von extremsten Figurenzeichnungen zu überzeugen und den Zuschauer mitzunehmen auf abwegige Erfahrungen.

Denn das ist etwas, was Serien Filmen voraushaben: Sie können sich ungeniert stundenweise dem Abwegigen widmen, die Handlung quasi zum Stillstand bringen, in einer verrannten Charakter-, Handlungs-, Inszenierungsidee baden – und haben am Ende der Staffel doch ganze Geschichten erzählt, Figuren weiterentwickelt und sind nicht im Absurden stecken geblieben (was natürlich auch nicht verkehrt wäre). Serien können einfach mal so zwei sehr individuelle, aber völlig unterschiedliche Schauspieler auf 10m² aufeinander loslassen und sehen, was passiert. Und es war legendär!

Im Juni gehört

Man könnte meinen, ich hätte seit letztem September keine Musik mehr gehört. Das stimmt natürlich nicht. Ich höre sogar sehr viel, allein zweimal täglich bei meiner 40-minütigen Busfahrt. Lange Zeit habe ich brav wöchentlich meinen Spotify-Mix durchgearbeitet und auch immer wieder Songs daraus gespeichert – bis er irgendwann anfing, sich zu wiederholen und mich zu langweilen. Ich sah meinen Musikgeschmack zunehmend weniger repräsentiert. Dann habe ich enttäuscht ein wenig in die zugehörigen Alben der gespeicherten Songs reingehört, bis ich wieder anfing, frühere Lieblingsbands zu besuchen – die ja in der Zwischenzeit nicht geschlafen haben. Das ergibt insgesamt folgende nachhaltige Favoriten der letzten Monate:

Eingehen möchte ich aber nur auf die Neuentdeckungen im Juni:

Die Editors habe ich wahrscheinlich schon 2007 gehört, aber seither aus den Augen verloren. Wenn Indie-Rock, dann bitte so – irgendwie verzweifelt und trotzdem voller Energie. Zwar finde ich Tom Smiths Stimme der von Paul Banks (Interpol – auch eine Band, die ich mal wieder hören muss) so irritierend ähnlich, dafür singt er immer mal wieder Sätze, die ich in ihrer klaren emotionalen Aussage und Bildsprache sehr schön finde:

Blood runs through your veins
That’s where our similarity ends.

When you caught my eye
I saw everywhere I’d been
And wanna go to.
You came on your own
That’s how you’ll leave
With hope in your hands
And air to breathe.

In the end all you can hope for
Is the love you felt
To equal the pain you’ve gone through.

I’m a lump of meat
With a heartbeat.

I swear to God
I heard the Earth inhale
Moments before it spat its rain down on me.

Und mit diesem großartigen Bild beginnt einer der beiden neu entdeckten Editors-Lieblingssongs. Als Tool-Fan liebe ich natürlich diese Lieder, die sich langsam aufbauen, Luft holen, um dann aufzubrechen, ihr ganzes emotionales Gewicht auf einmal zu entleeren und dann wieder zur Ruhe finden. Ich glaube, das ist der epischste Song der Editors. Das andere Lied, „Alternative: Forgiveness“, finde ich aber noch spannender. Es ist eigentlich ein Remix und wertet das Original erstaunlicherweise tatsächlich mit diesem Synthie-Sound auf. Ich kann es mir ganz hervorragend in einem Drive-ähnlichen, düster-stilisierten Thriller vorstellen, um den stillen Verzweiflungsweg des Helden zu begleiten. Ein Stück Musik, das über die fünf Minuten hinweg ohne große Entwicklung leicht die Spannung hält.

The Jezabels habe ich bereits erwähnt. Eigentlich mag ich Musik, die an 80er-Girlpower-Pop erinnert, nicht, aber hier funktioniert diese aufmunternde, irgendeinen Schmerz überwindende Euphorie und Lebenslust für mich irgendwie. „Come Alive“ kommt hingegen wesentlich düsterer daher. Das ist ein ähnlicher Fall wie bei „In This Light And On This Evening“, nur mit weiblicher Sanftheit zwischendurch – eine Kombination, die hier längst nicht so stark ist wie bei Chelsea Wolfe, aber trotzdem mitreißend.

Und dann hatte ich gar nicht so genau darüber nachgedacht, dass es vor der neuen Agnes-Obel-Tour ja auch ein neues Album geben müsste. Der erste Song daraus hat mir jedenfalls schon im Bus beinahe die Tränen in die Augen getrieben: ätherische Klänge aus einer anderen Welt, einer, in der Feen durch Wälder laufen und Hexen um Lagerfeuer sitzen. Das scheint unerträglich kitschig, in schwermütiger, sehnsüchtiger Song-Form ist es aber vielleicht der honigsüßeste Eskapismus, den ich kenne. (Aber wer wohl der singende Herr ist?)

Der Nachtmahr (Film von Akiz)

Eine einfache, aber wunderschöne Visualisierung jugendlicher Ängste und von der Gesellschaft als „anstrengend“ wahrgenommener Persönlichkeitsmerkmale und der Entwicklung zu einem Individuum. Genau so ist es ja, wenn man merkt, dass man nicht so ganz wie die anderen ist: Man sträubt sich, fürchtet sich vor diesen einengenden Eigenschaften, bis man lernt, dass sie nun mal unabwendbar zu einem gehören. Dann beginnt man, sich als vollständigen Menschen zu lieben, die Eigenschaft selbstbewusst zu tragen, sie sogar vor anderen zu verteidigen und ihr schließlich so sehr zu vertrauen, dass man ihr das Steuer übergibt – selbst wenn sie für die Gesellschaft eine gnomhafte, hässliche Form hat. Unausgeglichenen Seelenhaushalt zu externalisieren ist sicher keine neue Idee, im Horrorgenre wahrscheinlich schon gar nicht, aber Tinas Entwicklung ist trotz der Fantastik und größerer Zeitsprünge extrem glaubhaft.

DerNachtmahr1

Es ist sogar sinnig, dass die Umwelt das Wesen erst wahrnehmen und als existent erkennen kann, als Tina es selbst akzeptiert hat. Der Hilferuf in ihrer Verwirrung und der Suche nach Lösungen und nach sich selbst wird ignoriert (oder als fehlgeleitet betrachtet) und das Problem erst als solches erkannt, als es keins mehr ist. Tina muss allein zu sich selbst finden, auch wenn das schließlich bedeutet, dass dieses gefundene Selbst sie noch mehr ausgrenzt. Und auf diesem Weg ist beinahe jede von Tinas Handlungen nachvollziehbar und logisch (abgesehen davon, dass sie nie ein Foto macht). Und wie sie von der Mitläuferin zur eigenständigen Heroine wird ist großes Superheldenkino. Zumal durch die rauschenden Digitalbilder und den visuellen und auditiven Overkill in den Partyszenen die Waage zwischen nahbarem Realismus und surrealem Übernatürlichem stimmig ausbalanciert wird. Der Nachtmahr ist ein ambitionierter, angestrengt hipper Film, der sich an seinem Anspruch zu überwältigen leicht verheben könnte, aber trotz der zeitweisen Hyperaktivität eine herzerwärmend persönliche Selbstfindungsgeschichte erzählt. Und das ist nur meine Deutung in genau diesem Moment. Ich bin sicher, zu einer anderen Zeit und durch andere Augen sind noch viele andere möglich. Und genau in diesem Deutungsreichtum ergibt Fantastik Sinn.

X-Men: Apocalypse (Film von Bryan Singer)

In nur einer Woche mit X-Men: Apocalypse habe ich mehr erlebt als mit den allermeisten anderen Filmen: Enttäuschung, Epiphanien, Einsichten, Glücksgefühle. Mein Eindruck nach der ersten Sichtung hat sich nach der Lektüre einer Kritik und der Zweitsichtung einmal beinahe komplett gewendet. So ist das mit den X-Men-Filmen: Wenn sich der Staub der Zerstörung gelegt hat, dann hat man freie Sicht auf das, was diese Filme zusammenhält, auf die Beziehungen und die stets motivierten Antriebe der Anwesenden. Dann kann man das Geflecht der Themen ausmachen und was diese Filme wirklich zu sagen haben. Könnte man X-Men-Filme doch immer schon beim ersten Mal zum zweiten Mal sehen.

XMenApocalypse1

Zunächst änderte David Ehrlichs Kritik alles. Ehrlich reißt das Anliegen um Zeit, Geschichte und Erinnerung nur an, aber allein ihre Nennung im Zusammenhang mit meinem liebsten Superhelden-Franchise öffnete eine Tür in meiner Wahrnehmung und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Dass mir das all die Jahre entgehen konnte, insbesondere nach Days of Future Past – ich schäme mich.

Denn die großen Themen der X-Men-Filme sind ja nicht nur Xenophobie (womit sich eher die erste Trilogie beschäftigt) und die Verantwortung, die aus der eigenen Macht entsteht, sondern ja, Zeit, Geschichte und Erinnerung – schlechte und gute Erinnerungen und ihr Einfluss auf Gegenwart und Zukunft. Schon Wolverine ist geplagt von seiner fehlenden Erinnerung, die es ihm schwer macht, eine Identität, eine Zukunft für sich zu finden. Er verdeutlicht die Wichtigkeit von Zeugnissen der Vergangenheit als Wegweiser für die Zukunft, als Mahnung wie als Ermutigung. Er wurde stattdessen durch ein Trauma geformt, und als er sich endlich davon zu lösen beginnt (auch, indem er sich erst mal daran erinnert) und zu sich selbst finden kann, tritt ein neues Trauma an die Stelle.

Ähnlich bei Magneto. Doch bei ihm sind es gerade die Erinnerungen, die ihn nicht zur Ruhe kommen lassen („Peace was never an option.“). Und weil er eben permanent an der Last der Vergangenheit leidet und sie nicht überwinden kann, muss er sie wiederholen – für sich selbst (als er nach der Mutter nun Frau und Kind verliert und wieder zum Rächer wird) wie für die Menschheit, indem er als Antwort auf den selbst erlebten Genozid einen solchen zurückgeben will. Magneto ist ein inkarniertes zyklisches Geschichtsverständnis. Er kann nicht abschließen, er kreist um seine Rachefantasien. Er lebt in der Vergangenheit, auch wenn er versucht, sie geradezurücken (z.B. indem er Auschwitz in Einzelteile zerlegt). Aber dadurch kümmert er sich nicht um seine Zukunft und übersieht sogar, dass er das aufs Spiel setzt, wofür das Weiterleben lohnt – das verbindende, stützende Element in seiner Vergangenheit, das die Zukunft auf sinnvolle Beine stellen kann.

XMenApocalypse8

Apocalypse ist dann nur die Radikalisierung dieses zyklischen Prinzips. Zwar lässt sein Name auf ein Geschichtsverständnis von Dekadenz schließen, er ist allerdings ein sich ewig erneuerndes Wesen, das glaubt, alle paar Tausend Jahre die Welt neu erschaffen zu können, nur um wieder ihrer Degeneration zuzusehen. Es geht ihm ja auch gar nicht um Fortschritt, um eine Welt, die die existente nur verbessert. Er scheint vielmehr zu seinen ägyptischen Wurzeln zurückkehren zu wollen. Hinterher müssten alle verbliebenen Mutanten womöglich in Pyramiden hausen.

Charles hingegen pocht auf das Verzeihen und die Möglichkeit eines Paradieses in der Zukunft. Er steht für ein teleologisches Weltbild. Dabei hat David Ehrlich in Bezug auf Days of Future Past nicht recht. Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu ändern, sondern eine neue Zukunft möglich zu machen („Is the future truly set?“, fragt Zukunfts-Charles). Denn die Mutanten in der Zukunfts-Timeline sind ja auch schon beinahe Geschichte. Sie schicken Wolverine in die Vergangenheit, um ihre eigene Zukunft zu sichern.

Mystique schließlich nimmt es ein wenig, wie es kommt. Sie entscheidet von Situation zu Situation und steht damit vielleicht für die Gegenwart, ein Geschichtsbild der Stasis. Wobei sich ihr vernünftiger Standpunkt schließlich durchsetzt. Sie holt Erik wie Charles auf ihre Seite – eine Seite der Hoffnung, aber der Vorsicht. Wir nehmen mit: Erinnerungen müssen bewahrt werden, vor allem, um aus ihnen zu lernen, daran zu wachsen und auf ihnen zu bauen. Die alternative, aber ausgelöschte Zukunft aus Days of Future Past ist nunmehr ja auch nur noch eine Erzählung, die in Charles‘, Eriks und Ravens (und Zukunfts-Logans) Gedächtnis gespeichert ist, aber als Mahnmal nie vergessen werden sollte.

Dieser Deutungsansatz kann sogar erklären, warum Magnetos Sohn so ein flinker Kerl ist – dabei trotzdem einer, der nie davonlaufen kann (jedenfalls nicht aus dem Keller der Mutter) und nur manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Quicksilver lebt in einer ewig gedehnten Gegenwart. Er braucht trotz seiner Geschwindigkeit zehn Jahre, um endlich mal einen Schritt nach vorne zu machen. Das hat er wohl von seinem Vater.

XMenApocalypse6

Ein Comic-Franchise als Geschichtsreflexion: Wie außergewöhnlich! Aber das ist längst nicht das Einzige, was Apocalypse zu einem beinahe perfekten Abschluss der zweiten X-Trilogie macht. Wo ich bei der Erstsichtung noch am Sinn von Apocalypse selbst zweifelte, verstehe ich nun, warum dieser 08/15-Zerstörer nötig ist. Er ist Rassist und Despot in Reinform und steht eher abstrakt für einen Fundamentalismus statt für einen alternativen Gesellschaftsentwurf. Er ist das Mittel, mit dem Magneto endlich sein Rachegelüst befriedigen kann, das ihm endlich die Möglichkeit gibt, seinen Wunsch, die Menschheit auszulöschen, vollständig umzusetzen. Erst als er diese absolute Waffe erhält, kann er sich entscheiden, sie endgültig wegzulegen. Bedauerlich ist dabei allerdings, dass ihm unumwunden verziehen wird, dass bei diesem Akt der Selbstfindung ein paar Millionen Anonyme draufgehen. Eine große Stärke der X-Filme war es auch immer, dass sich die menschlichen Kollateralschäden auf ein Minimum beschränkten. Hier werden dafür kopflos federleichte Computerstädte pulverisiert, als wären ihre realen Pendants nicht von Tausenden Menschenleben bevölkert. Magneto lässt die ganze Welt für seine persönliche Vergangenheitsbewältigung leiden (auch wenn sie für etwas Kollektiveres einsteht). Das ist nicht okay! Schade, dass der Film das nicht reflektiert.

Davon abgesehen bemüht sich der Film aber, Magnetos Geschichte und Entwicklung über die drei neuen Filme hinweg endlich abzuschließen. Das ist ja eigentlich eine ganz einfache Erzählung von Bindung – Entzweiung – Wiedervereinigung. Wie er nun in Zukunft zu den Menschen steht, bleibt zwar unklar, aber so ganz konsequent kann er in seinem Rassismus ja nie gewesen sein, wenn er eine nicht-mutantische Frau lieben kann. Wenn man es genau nimmt, ist diese Entwicklung zwar eine ziemlich sprunghafte, am Reißbrett entworfene. Wir sehen ja nie, was genau Magneto über Jahrzehnte hinweg mit Mystique verbindet. Wir müssen es einfach glauben. Und warum tun wir das? Weil Michael Fassbender, Jennifer Lawrence und James McAvoy in der Lage sind, es auf der Leinwand zu leben. Mit weniger intensiven, fähigen Schauspielern wäre diese Seifenoper womöglich furchtbar unplausibel. Aber selbst Oscar Isaac gelingt es, unter all der Farbe einen herrlichen Verdruss und eine Selbstgewissheit zu vermitteln, die den albern gekleideten Apocalypse plastisch machen und ihn als mythologische Figur nicht übermäßig aus dem Ensemble aus Teenagern und wunderschön bescheidenen Held_innen von nebenan herausstechen zu lassen. Allerdings: Was hat es denn nur mit dieser goldenen Pyramidenspitze, die mit schnödem Sonnenlicht aktiviert wird, auf sich? Solcher Humbug hat im geerdeten X-Universum keinen Platz.

XMenApocalypse7

Und die Schauwerte? Die sind in den geheimen Fähigkeiten verborgen, jenen, deren Kunstfertigkeit nur für die Ausführenden selbst sichtbar ist. Nicht Magnetos Zerstörungsorgie ist beeindruckend, sondern Quicksilvers leichtfüßige, ironisch-charmante Rettungsaktion und der Endkampf im Geiste – weil der Geist (die Liebe, der Schmerz, das überzeugende Wort) im X-Universum eben immer noch die stärkste Kraft ist. Die körperliche Auslöschung ist da nur noch eine Formalie. Und es ist wieder die gemeinsame Stärke, die siegt. Weil eine Ideologie erst Einfluss gewinnt, wenn sie Anhänger hat – solche, die nicht so wankelmütig einfachen Versprechungen hinterherrennen und ohne eigene Charakterzüge sind (ein weiterer Makel des Films: die drei jungen Reiter ohne Vergangenheit und Zukunft, selbst Storm). Und schließlich sind es drei junge Frauen, die die wichtigsten Schlachten gewinnen (in flachen Schuhen!), als die Männer versagen. Die ideale Superheldin – eine, die die absolute Macht, aber nur mit begleitender absoluter Empathie hat – gewinnt. So muss es sein.

Und damit ist diese schöne Geschichte um die Freundschaft dreier Mutanten dann auch eigentlich auserzählt. Magneto ist endgültig bekehrt. Der größtmögliche Endgegner ist besiegt. Die Welt ist einmal komplett zerstört. Die Menschen stehen den Mutanten nach dieser Episode sicherlich weiterhin skeptisch gegenüber, aber die X-Men sind gerüstet. Was nun noch? Ich plädiere dafür, zumindest Magneto ziehen zu lassen und die Geschichte der neuen jungen Mutanten zu erzählen. Wie sie ihren Platz in der Welt finden mit dem, was sie sind. Ohne Zerstörungsorgien und Superschurken. Eine Utopie.

Sagt mal …

… liest irgendjemand von euch tatsächlich hier die Buch-, Serien- und Filmkritiken? Aus Gewohnheit und damit es nicht so leer ist, kopiere ich stets verspätet die längeren, aktuellen Besprechungen hier rein, aber sie können ja auch drüben im Filmblog gelesen werden. Deswegen überlege ich nun schon eine Weile, ob das überhaupt noch Sinn ergibt. Andererseits würde mein schönes Erstblog dann ausschließlich zur größtenteils passwortgeschützten, privaten Grübelsitzung verkommen. Zu Anfang fand hier ja noch öfter mal Alltägliches statt, aber das reizt mich momentan nicht oder jedenfalls nicht auf diese Weise.

Wenn mir also zwei, drei Stimmen bestätigen, dass sie tatsächlich auch für die Kritiken vorbeikommen, dann schiebe ich sie gerne dazwischen. Wenn nicht, muss ich mal ernsthaft über das Konzept dieses Blogs nachdenken (und ob es überhaupt ein Konzept braucht). Das Bloggen ist sowieso etwas, was mich gerade umtreibt. Vielleicht blogge ich mal darüber …

Revolutionary Road (Buch von Richard Yates)

Die Verfilmung von Sam Mendes ist ein Schlüsselwerk für mich. Ich BIN die Film-Wheelers, ihre naiven, arroganten Ideale und der Trägheit nicht standhaltenden Träume. Das Buch beginnt als etwas ganz Ähnliches (wodurch ich mich sofort wieder identifizieren konnte), entwickelt sich später aber in etwas deutlich Vielfältigeres, ja, doch, etwas Anderes. Die Themen um Idealismus und Konformismus treten immer mehr in den Hintergrund und lassen eine verblüffende Identitätsdebatte hervortreten.

Intelligent, thinking people could take things like this in their stride, just as they took the larger absurdities of deadly dull jobs in the city and deadly dull homes in the suburbs. Economic circumstances might force you to live in this environment, but the important thing was to keep from being contaminated. The important thing, always, was to remember who you were.

Das Buch ist damit weniger die Geschichte einer scheiternden Ideologie, als das Porträt eines Süchtigen. Franks Inhalte sind irgendwann völlig egal – solange er dafür Anerkennung erhält. Er ist ein liebesbedürftiger Egoist und jede Zeile, die aus seinem Mund kommt, Teil einer wohldurchdachten Rolle und damit Narration. Yates schildert den Großteil der Geschehnisse aus seiner Sicht und führt damit seine unwiderstehliche Logik vor. Seine Wahrnehmung der Welt, seines Lebens und der Menschen darin wirkt in sich schlüssig, jeder Fehltritt wird in allen Details als triftig verargumentiert. Er erschafft sich und sein Leben als konsequente Geschichte, die er jederzeit überzeugend erzählen könnte. Doch je mehr man als Leser dahinterkommt, desto unangenehmer wird die Lektüre. Denn wer ist dieser Frank, dem wir so lange folgen, hinter seiner Show, seinem Egoismus, seinem Bedürfnis nach Applaus denn wirklich? Ist dahinter womöglich nichts? Ein Vakuum, das sich einbildet, die Welt drehe sich um ihn? Dieses selbstzentrierte, arrogante, lächerliche Denken wird zum Schluss tatsächlich beinahe unerträglich.

Wäre da nicht John Givings, der die Geschichte und ihre Protagonisten, die Dreh- und Angelpunkte mit Leichtigkeit auf den Punkt bringt. Dadurch bemüht sich der Roman nicht, seine Knackpunkte zu verbergen. Er fasst die Auslöser und Konsequenzen selbst zusammen. Was dem Leser bleibt, ist, die Figuren und ihre tatsächlichen Wünsche zu verstehen. Frank ist die eine Sache, April eine ganz andere. Wir nehmen sie fast ausschließlich aus männlicher Sicht wahr, wodurch sie bis zum Schluss ein faszinierendes Rätsel bleibt, das durch seine Widersprüchlichkeit und Lücken, aber durch seine klar zu erkennenden Ziele und Beweggründe authentischer ist als das logische, geschlossene, aber leere Konstrukt Frank. Und im Gegensatz zu Frank erkennt sie die eigentlichen Probleme und kann sie in Worte fassen.

„Oh, Frank. Can you really think artists and writers are the only people entitled to lives of their own? Listen: I don’t care if it takes you five years of doing nothing at all; I don’t care if you decide after five years that what you really want is to be a bricklayer or a mechanic or a merchant seaman. Don’t you see what I’m saying? It’s got nothing to do with definite, measureable talents – it’s your very essence that’s being stifled here. It’s what you are that’s being denied and denied and denied in this kind of life.“

Es ist also ein Buch mit vielen Themen, die alle gebührend, aber nicht erschöpfend verwoben werden: Ehe und Kompatibilität von Menschen und Visionen, Kapitalismus und Konformismus, Individualismus und Praktikabilität, Gewohnheitswünsche und tatsächlich empfundene Sehnsucht, Geschlechterrollen und -erwartungen, die Prioritäten von Sein und Wirkung und damit Leben als Mensch oder als Rolle. Denn was vom Individuum hinterher bleibt, das ist seine Wirkung auf andere, die Bedeutung, die sie aus dem fremden Leben für sich selbst ziehen. Das Wahrhaftige, Ehrliche, die Beweggründe zählen nicht, sondern nur die Zuschreibung, die Bedeutung, die Erklärung, die Narration, die der Mensch sich strickt. Deswegen muss das Buch auch aus einer anderen als Franks Perspektive enden.

Und obwohl ich den Film liebe, konnte ich sein Ende nie so ganz für mich fassen und erklären. Diese Offenheit hat zwar auch ihren Reiz, aber dass ich es nun nach dem Buch verstehe, ist doch sehr befriedigend. Im Film ist ja auch ein Appell für eine Legalisierung von Abtreibung zu lesen – weil er die Geschichte aus heutiger Sicht erzählt. Das fehlt im Buch. Stattdessen steht dort eine Kritik des Beziehungsmodells der Zeit – dass der erstbeste Partner der einzige bis zum Lebensende sein muss. Es ist sogar ein großer Zweifel daran zu erkennen, dass zwei Menschen überhaupt harmonisch, sich ergänzend und verstehend, zusammenpassen können. Alle Beziehungen, die vorgestellt werden, sind ein Kompromiss, von reiner Erträglichkeit geprägt (und oft genug nicht mal das), von dem wohlwollenden oder kritischen Licht, in das man den Partner stellt. Da sind Erwartungen, die immer wieder enttäuscht werden – weil Menschen eben Rollen spielen oder im Gegenteil nicht aus ihrer Haut können oder nur für ihr eigenes Ideal leben statt für die Zufriedenheit anderer.

Oh, for a month or two, just for fun, it might be all right to play a game like that with a boy; but all these years! And all because, in a sentimentally lonely time long ago, she had found it easy and agreeable to believe whatever this one particular boy felt like saying, and to repay him for that pleasure by telling easy, agreeable lies of her own, until each was saying what the other most wanted to hear – until he was saying „I love you“ and she was saying „Really, I mean it; you’re the most interesting person I’ve ever met.“

What a subtle, treacherous thing it was to let yourself go that way! Because once you’d started it was terribly difficult to stop; soon you were saying „I’m sorry, of course you’re right,“ and „Whatever you think is bet,“ and „You’re the most wonderful and valuable thing in the world,“ and the next thing you knew all honesty, all truth, was as far away and glimmering, as hopelessly unattainable as the world of the golden people. Then you discovered you werde working at life the way the Laurel Players worked at The Petrified Forest, or the way Steve Kovick worked at his drums – earnest and sloppy and full of pretension and all wrong; you found you were saying yes when you meant no, and „We’ve got to be together in this thing“ when you meant the very opposite; then you were breathing gasoline as if it were flowers and abandoning yourself to a delirium of love under the weight of a clumsy, grunting, red-faced man you didn’t even like – Shep Campbell! – and then you were face to face, in total darkness, with the knowledge that you didn’t know who you were.

Kritische Selbst- und Fremdbeobachtungen und -einschätzungen sind daher ein großer Teil des Romans. Und auch Yates selbst ist ein großer Beobachter. Wie alle Realisten versteigt er sich in materiellen Details, aber sie erhalten stets ein Gewicht, ein Eigenleben, einen Hintergrund, der ihnen unmittelbar Bedeutung verleiht – auch wenn sie dies gar nicht haben oder nur in Franks Stereotypisierung der Welt. Yates‘ Momente sind lebendig, dynamisch und subjektiv aufgeladen. Es ist von Beginn an klar, dass Franks Filter die Geschehnisse erzählt und trotz aller Nähe und Verständlichkeit ist immer eine kritische Distanz zu dieser Figur zu spüren.

Revolutionary Road ist also ein großer, ungemütlicher, vielschichtiger, geschliffen erzählter Roman über Selbst- und Fremdbilder, über Idealismus, Konvention und die Erwartungen in der amerikanischen Gesellschaft der 50er, und er ist ein weiterer Grund, am literarischen Kanon zu zweifeln, der ihn nicht neben Werken wie The Great Gatsby nennt. Aber der Prozess der Kanonbildung kann ja gar nicht objektiv und fehlerfrei sein.

Outlander – Staffel 1 (Serie von Ronald D. Moore)

Für leidenschaftlichen Kostümkitsch mit gelockten edlen Wilden bin ich ja ohne Frage zu haben. Und auf eine solche Serie, die auch ausschließlich den Female Gaze bedienen soll, war ich natürlich sehr gespannt. Aber letztendlich ist Outlander dann doch in jeder Folge eine enttäuschende Angelegenheit und in seiner Gesamtheit noch mehr. Das beginnt bei dieser Liebesgeschichte, die Herz und Antrieb der Geschichte sein soll. Aber sie fängt als Zwangsehe an (die nur dadurch als akzeptabel verkauft wird, dass der Designierte der einzige Ansehnliche unter den verdreckten Kilt-Trägern ist), geht in uninspiriert inszenierte Sexszenen über, die die sich angeblich entwickelnde Liebe nicht plausibler machen, und endet in einer übertrieben masochistischen Selbstaufopferung. Im Prinzip ist das eine Zufalls-Liebe, die daraus entsteht, dass der/die jeweils andere eben der/die einzig Hübsche und weitestgehend Anständige und Vernünftige unter den Anwesenden ist. Claire hat durch ihre Resolutheit im zarten Gewand ja noch einen gewissen Charme, besonders wenn sie ihr moralisches Recht vehement vertritt, auch wenn es offensichtlich anachronistisch ist. Jamie hingegen ist ein langweiliger, nicht besonders intelligenter Klotz, der durch Edelmut und Ehrgefühl zum Strahlen gebracht werden soll. Sein einziges Charakteristikum ist aber seine geradezu masochistische Sturheit.

Outlander4

Die meisten Männer um ihn herum sind facettenreicher und mysteriöser, aber sie fügen sich optisch eben nicht in das Cover eines billigen Frauenromans ein. Der Female Gaze ist hier nicht weniger sexistisch als der Male Gaze. Männer sind edle Retter, dumpfe Trottel oder Vergewaltiger. Mir wäre lieber, man würde generell aufhören, angeblich geschlechtstypische Begehrlichkeiten zu bedienen, und dafür lieber den Charakteren und ihren Konflikten und Entwicklungen das geben, was sie brauchen, um MENSCHEN auf der anderen Seite zu überzeugen oder herauszufordern oder ja, auch zu erheitern oder zu beglücken.

Aber nicht nur bei den Figuren überzeugte mich die Staffel nicht. Auch narrativ ist sie unfokussiert, unreflektiert und nicht gerade spannend. Sie braucht unnötig viele Folgen, um zu ihrem Antrieb zu gelangen (dass die beiden zusammenbleiben müssen). Davor mäandert sie ziellos um eine halbherzig geplante Flucht. Eigentlich ist hier alles äußerst halbherzig. Nie übertragen sich die großen Frauenroman-Emotionen tatsächlich, weil sie nie anhalten, niemals wirkliche Konsequenzen haben. Man versöhnt sich ja doch wieder und in jeder Gefahrensituation taucht in der letzten Minute mit absoluter Sicherheit der Schotte ex machina auf. Es ist geradezu frustrierend. Auch, dass trotz eines zu Anfang erschöpfenden, das Bild doppelnden Voice-overs (das allerdings irgendwann unvermittelt abbricht) keine wirkliche Reflexion stattfindet. Wir erfahren nie, wie es Claire in dieser außergewöhnlichen Situation geht. Sie fügt sich völlig reibungslos in dieses neue Leben ein und klagt nie über die Unannehmlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Auch wie ihre Handlungen Einfluss auf den Gang der Geschichte haben können, bedenkt sie nicht (oder erst ganz zum Schluss). Nicht mal ihre endgültige Entscheidung für diese Epoche wird ausdiskutiert. Vermisst sie Frank plötzlich nicht mehr?

Outlander1

Und das ist das wirklich Bedauerliche: Wie schnell die positive Darstellung dieser polyamourösen Situation in den Wind geschlagen wird für das Märchen von der einen schicksalhaften großen Liebe – für die es sich lohnt, zu leiden, und wie! Eine Rettungsaktion folgt der anderen, mal ist sie in Lebensgefahr, dann er. Liebe als Tortur und Kampf um und für den anderen. Wäre sie doch beim Geschichtsprofessor geblieben. Auch wenn dieser aussieht wie das karikaturhafte Böse – was die zweite Beziehung zudem leider noch unmöglicher macht, ja, sie geradezu zynisch verhöhnt. Wieso können sie denn nicht einfach zu dritt in Frieden leben?